Der folgende Text wurde der Festschrift zur 300-Jahrfeier des Allgemeinen
Schützenvereins Hiddingsel 1695 e.V. entnommen. Hier skizzierte der
Jägerzug als Teil des Schützenvereins seine Geschichte.
Kein Jägerlatein.
Der Jägerzug in Geschichte und Gegenwart.
Weit über die Hiddingseler Grenzen hinaus ist er bekannt: Der
Jägerzug. Stets gut gelaunt und immer ein Lied auf den Lippen; auch
dies ist ein starkes Stück Vereinsgeschichte. Wann der Jägerzug
gegründet wurde oder ob er schon bei der Gründung des
Schützenvereins 1695 Bestandteil desselben war, läßt sich
heute leider nicht mehr nachvollziehen. Daß allerdings ein
Jägerzugmitglied schon bei der Erfindung des ersten Bieres im alten
Ägypten dabeigewesen sein soll - was manche spitzbübisch behaupten
und somit die Trinkfreudigkeit der Jungschützen zu erklären versuchen
- dürfte wohl ein Gerücht sein.
Gehen wir einmal davon aus, daß auch der Jägerzug auf 300 Jahre
zurückblicken kann, so läßt sich seine Geschichte gut
nachvollziehen. Anhand einiger Höhepunkte wollen wir diese Geschichte
Revue passieren lassen. Nach alter Tradition gibt es auch heute noch Züge,
in denen nur Junggesellen bzw. Jungschützen vertreten sind. Früher
war es sogar Voraussetzung, erst in den sogenannten Junggesellenzug einzutreten,
um Mitglied des ansässigen Schützenvereins werden zu können.
Die erste Bewährungsprobe hatten Jungschützen im Jahre 1699 zu
bestehen. In diesem Jahr wurde der Gleichschritt in Deutschland eingeführt,
ein Bestandteil des Schützenwesens, unter dem seither viele Generationen
leiden. Abhilfe schafft für die Hiddingseler Jäger das traditionelle
Üben vor dem Schützenfest. Doch hier kommen nicht nur die Schritte
in den richtigen Takt. Auch die Sangesfreudigkeit ist bei den Junggesellen
sehr ausgeprägt. Als im Jahre 1808 die Liedertafel gegründet wurde,
an der man sich zu gutem Essen und gesellschaftlichen Gesängen traf,
könnte dies Einfluß auf die Treffen der Jungschützen gehabt
haben.
Am 03. Februar 1813 - Preußen befand sich unter napoleonischer
Fremdherrschaft - rief der preußische König Friederich Wilhelm
III. die Jugend auf, freiwillige »Jäger-Detachements« zu bilden,
dem viele nachgekommen sind. Aus diesem Aufruf entstand die Bezeichnung
»Jägerzug«. Ab dem Jahre 1820 entstanden in ganz Deutschland
sogenannte Bierlokale, in denen man sich zum gemütlichen Beisammensein
traf. Auch hier im Münsterland erfreuten sich diese Lokale großer
Beliebtheit. Es wurden sogar besondere Regeln für das Biertrinken
aufgestellt, wobei beispielsweise der Aufruf »ex« einen dazu zwang,
den gesamten Inhalt seines Glases auf einmal zu leeren. Noch heute vernimmt
man dieses und andere Kommandos in den Reihen des Jägerzuges.
Im Jahre 1887 wurde den Schützenbrüdern dann tief in die Portemonnaies
gegriffen. Der Reichstag verabschiedete am 24. Juni 1887 die Zucker- und
Branntweinsteuergesetze. Der Schnaps wurde teurer - und das kurz vor dem
Hiddingseler Schützenfest. Im Jahre 1892 nahmen die Junggesellen dann
erstmals aktuelle Schlager in ihr Gesangsrepertoire auf. Das Lied »In
Grunewald ist Holzauktion« war in aller Munde, ebenso wie sieben Jahre
später der Schlager »Hinterm Ofen sitzt æne Maus«. Als
Deutschland in den 20er Jahren von einer wahren Flut von Nonsensschlagern
wie z.B. »Mein Papagei frißt keine harten Eier«
überschwemmt wurde, wurden diese Lieder auch gern von den Jungschützen
gesungen.
Mit dem Wirtschaftswunder stieg auch der Tatendrang des Jägerzuges wieder.
Um den ohnehin schon guten Zusammenhalt im Zug noch zu festigen, beschloß
man 1964, einen Wimpel anfertigen zu lassen, der bei Übungsabenden und
geselligen Treffen im Mittelpunkt der anwesenden Jäger stehen sollte.
Nachdem jeder den für damalige Verhältnisse nicht gerade geringen
Obulus von 25,- DM entrichtet hatte, konnte der Wimpel angeschafft und
zünftig eingeweiht werden. Bis zum heutigen Tage wird er vom Jägerzug
gepflegt und hat seinen Ehrenplatz im Vereinslokal Rönnebrink auf dem
Schrank hinterm Tresen.
1968 gab es eine weitere edle Tat des
Jägerzuges zu vermelden. Der amtierende Schützenkönig hieß
Gerhard Daldrup. Die Generalversammlung des Schützenvereins sollte jedoch
ohne König stattfinden, weil dieser als Landwirt seine Tiere versorgen
mußte. Kurzerhand entschloßen sich die Jungschützen, auf
das Freibier zu verzichten und des Königs Vieh zu füttern, damit
dieser seinen königlichen Pflichten nachkommen konnte. Einer solchen
Aktion mußte ein Denkmal gesetzt werden - und so grübelten und
planten die Jungschützen. Die Gerüchteküche brodelte.
Nicht-Eingeweihte sprachen von karnevalistischen Zuständen im
Jägerzug. Aber nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird,
und Bier soll ja bekanntlich kühl getrunken werden. Am
Schützenfest-Montag 1968 wurde das Geheimnis dann gelüftet. Kein
Trojanisches Pferd sondern eine Hiddingseler Kuh hatte man in
Lebensgröße nachgebaut. Sie sollte an die Fütterungsaktion
erinnern und wenn man ihren Schwanz hob, konnte man sich dort ein gekühltes
Bier zapfen.
1969 sollte es kein Schützenfest im Ort geben, so dachte man zumindestens.
Die Jungschützen gaben sich mit dieser Entscheidung jedoch nicht zufrieden.
Sie organisierten ein eigenes Schützenfest und ermittelten erstmalig
einen Jägerschützenkönig. Seit Mitte der 70er Jahre wird nun
alljährlich ein neuer König aus den Reihen der Jungschützen
ermittelt und so findet das Jägerkönigsschießen seither in
Verbindung mit einem Zeltlager oder einer Feier statt.
Einmal unter Beweis gestellt, daß die Jäger nicht nur feiern
können, sondern auch künstlerisch begabt sind, wurde zum
275jährigen Vereinsjubiläum 1970 der Stammbaum mit allen Königen
der Vereinsgeschichte nachgebildet. Seither sind die »Bauwerke«
des Jägerzuges eine Attraktion zu jedem Schützenfest. Manchmal
sind es lokale Themen wie das Abschaffen des Sternkönigs, das Drehen
des Denkmales, das Errichten eines Radweges oder das Kneipensterben. Letzteres
Thema lag den Jägern besonders am Herzen. Denn traditionsgemäß
treffen sich die Jungschützen über die Schützenfesttage hinweg
vor jedem Antreten in einer der Hiddingseler Kneipen. Da diese rar geworden
sind, hat sich der ehemalige Gastwirt Fritz Schlüter sen. bereit
erklärt, in seinem Haus während dieser Tage einen Jägerkeller
einzurichten. Ihm, seiner Familie und seinen Helfern (»Heinz
Rühmann« und Frau) gilt an dieser Stelle ein besonderer Dank.
Die Verbundenheit zum Spielmannszug Buldern war ebenfalls schon Thema einer
Darstellung der Jungschützen. So widmeten sie dem Spielmannszug
anläßlich seiner Amerikareise ein originalgetreu nachgebautes
Flugzeug für den Trip über den großen Teich. Die Spielleute
waren hiervon so begeistert, daß sie den Jägerzug baten, die
Hiddingseler Baukünste beim Jubiläumsumzug zur 1100 Jahrfeier Bulderns
vorzustellen. Diesem Wunsch kam man gerne nach. Aber auch auf vielen weiteren
Jubiläumsumzügen konnte man die Hiddingseler Jungschützen
in ihrer vollen Pracht bewundern. Bewundernswert ist sicherlich die einheitliche
Kleiderordnung und die strenge Disziplin im Zug, aber auch der eigenwillige
Charme, der die stets gut gelaunten, singenden Jäger umgibt.
Die Aufgaben des Jägerzuges während
der Schützenfesttage sind sehr vielseitig. Hierzu gehören nicht
nur das Schmücken des Zeltes und das Hochziehen des Vogels sondern auch
die Ehrenwache am Denkmal und die Fahnenwache. Eine ganz besondere Aufgabe
haben allerdings die vier Grenadiere, auch »Äxtenkerle« genannt,
die ebenfalls zu diesem Zug gehören. Sie sorgen dafür, daß
alles aus dem Weg geräumt wird, sei es beim Marsch durchs Dorf oder
auch beim Fahnenschlag. Um die Grenadiere nicht untätig herumlaufen
zu lassen, wurde bis in die 70Æer Jahre hinein die Brücke über
die Birk (Kleuterbach) an der Daldruper Straße mit Baumstämmen
versperrt. Diese mußten dann mit den Äxten zerteilt werden. Der
wohl bekannteste Grenadier war Martin Brake. Insgesamt 17 Jahre gehörte
er zu den Jungschützen, und nach 15 Jahren verlieh der Jägerzug
ihm eine goldene Axt. Nach seinem Ausscheiden aus dem Zug widmeten ihm die
Jäger den Schützenfest-Montag 1990 unter dem Motto »Tod eines
Kameraden«.
Mit Beginn der 90er Jahre weitete der Jägerzug wiederum seine
Aktivitäten aus. Um das Liedgut zu wahren, erstellte man eine Liederfibel,
die reißenden Absatz fand. Ein einheitliches Auf treten auch am
Schützenfest-Montag ist den Junggesellen sehr wichtig, daher sucht man
in jedem Jahr wieder edle Spender, die bereit sind, von den Jägern selbst
entworfene T-Shirts zu sponsern. Dennoch quälte die Jungschützen
der Gedanke, daß mit dem Schützenfest-Montag wieder alles vorbei
sein sollte. Um einen würdigen Abschluß des Festes zu finden,
entschloß man sich, für den frühen Montagabend einen
»Kinderschützenkönig« aus eigenen Reihen zu bestimmen.
Für diesen wird dann noch einmal eine Proklamation mit allem Drum-und-Dran
vor der Gaststätte Rönnebrink veranstaltet. 1994 feierten die
Jäger ihr 30jähriges Wimpeljubiläum. Erstmalig wurde aus den
Reihen der Jägerkönige ein Kaiser ermittelt. All diese Begebenheiten
werden generalstabsmäßig Jahr für Jahr protokolliert und
auf den Jahreshauptversammlungen des Jägerzuges Hiddingsel verlesen.
Dies bringt die Junggesellen stets sofort in Stimmung für das nächste
Schützenfest.
Wollte man alles aufzählen, was der Jägerzug in den letzten 300
Jahren schon geleistet oder auch verbrochen hat, so könnte man
hierüber wohl ein ganzes Buch schreiben. Wir wollten mit diesem
Rückblick zeigen, wer diese netten jungen Männer eigentlich sind,
die zumindestens über die Schützenfesttage doch immer auffallen.
Abschließend möchten wir uns noch bei dem Spielmannszug Buldern
und der Bläservereinigung Albachten bedanken, die unsere Veranstaltungen
musikalisch unterstützten. Dank gilt auch all unseren Freunden und
Gönnern sowie den ehemaligen und aktiven Zugführern.
Euer Jägerzug
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